Wer den Bob-Sport nur aus der Fernsehübertragung im Februar kennt, denkt vielleicht, dass Athleten den Rest des Jahres pausieren. In Wirklichkeit ist die wettkampffreie Zeit zwischen Mai und Oktober die anstrengendste Phase. Hier wird die Grundlage für die Dezember- und Januar-Rennen gelegt, technisch wie körperlich. Wir schauen einmal durch die typische Saisonvorbereitung eines deutschen Zweier- oder Viererteams.

Mai bis Juli: körperliche Grundlage
Die ersten Monate nach dem Saisonende sind reine Krafttraining-Phase. Bobathleten brauchen explosive Beine, einen extrem starken Rumpf und einen Oberkörper, der den Schlitten überhaupt erst in Bewegung bringen kann. Typisch sind Trainingspläne mit drei bis vier Krafteinheiten pro Woche, dazu Sprints auf der Tartanbahn und ergänzendes Mobility-Training. Die Pulsschnitte liegen niedriger als in Ausdauersportarten, dafür sind die Belastungsspitzen extrem hoch. Bei einem Spitzenathleten messen die Sportwissenschaftler beim Anschub Beschleunigungen, die kurzzeitig an die eines Sprinters auf den ersten fünfzig Metern herankommen.
August und September: Anschub-Spezialtraining
Spätestens Anfang August beginnt das spezifische Anschubtraining. Die meisten deutschen Stützpunkte haben eine sogenannte Push-Bahn, eine Trockentrainingsanlage mit Schienen und einem Anschubschlitten auf Rollen. Hier üben die Teams den exakten Bewegungsablauf vom Anlauf bis zum Einsteigen in den Schlitten. Eine gute Anschubzeit auf zwanzig oder dreißig Metern entscheidet auf der Eisbahn später über Hundertstel, manchmal über Tausendstel Sekunden. Gefilmt wird mit Hochgeschwindigkeitskameras von drei Seiten, jeder Schritt wird analysiert. Dazu kommt Athletiktraining mit Reaktionsdrills, weil das Timing zwischen Pilot und Anschieber im Bruchteil einer Sekunde stimmen muss.
Oktober: Materialtests und Werkstattarbeit
Spätestens im Oktober verlagert sich der Schwerpunkt in die Werkstatt. Schlittenrahmen werden geprüft, Kufen geschliffen, Verbindungen kontrolliert. Viele Teams investieren genauso viel Zeit ins Material wie in den eigenen Körper. Eine Kufe, die nicht hundertprozentig glatt poliert ist, kostet Geschwindigkeit. Auch die Aerodynamik wird optimiert, manchmal mit kleinen Anpassungen an der Verkleidung. Da Bobsleds in der Regel keine Saisonneukäufe sind, geht es selten um große Umbauten, sondern um Detailpflege an einem Material, das oft schon mehrere Olympia-Zyklen erlebt hat.
November: erste Eiszeit
Die ersten Eisfahrten der Saison liegen meist in der zweiten November-Hälfte. Bahnen wie Altenberg, Königssee oder Winterberg vereisen ab Anfang November, je nach Wetter. Die Teams reisen in Gruppen an, fahren erste Trainingsläufe auf nicht voll präparierten Bahnen und gewöhnen Pilot und Anschieber wieder an das Gefühl. Stürze sind in dieser Phase nicht selten, weil die Bahn noch nicht den finalen Eiszustand hat und der Kopf die feinen Lenkmomente noch nicht wieder verinnerlicht hat.
Was nach außen nicht sichtbar ist
Was bei den TV-Übertragungen im Winter immer fehlt, ist die mentale Komponente dieser sechs Vorbereitungsmonate. Bobpiloten verbringen viele Stunden mit Videoanalyse, mit Bahnsimulation auf VR-Brillen und mit gemeinsamen Strategie-Sitzungen mit dem Trainerteam. Wer im Dezember in Whistler oder Lake Placid eine perfekte Fahrlinie hinlegt, hat diesen Lauf längst hundertmal im Kopf durchgespielt. Die eigentliche Saison ist deshalb für viele Athleten nicht der härteste Teil des Jahres, sondern eher die Auswertung dessen, was im Sommer und Herbst aufgebaut wurde.